Humanitäre und institutionelle Projekte des Lateinischen Patriarchats für die christliche Bevölkerung des Heiligen Landes

Juli 2024

Humanitäre Hilfe: Unterstützung der christlichen Gemeinschaft im Heiligen Land als Antwort auf die anhaltende Krise

Einleitung

Seit dem 7. Oktober 2023 ist die ganze Welt Zeuge erschreckender Szenen von Gewalt und Zerstörung im Heiligen Land. Politische Unruhen und sozioökonomische Herausforderungen gehören im Heiligen Land seit langer Zeit dazu. In der modernen Geschichte gab es immer wieder Katastrophen, angefangen mit dem Krieg von 1948, gefolgt von verschiedenen Kriegen zwischen Israel und den arabischen Ländern, welche von intensiven Gewaltwellen begleitet waren. Diese Herausforderungen haben sich auf die schwache christliche Präsenz im Heiligen Land ausgewirkt. Familien neigen dazu, nach Europa, Amerika und Kanada auszuwandern, um für ihre traumatisierten Kinder ein normales Leben aufzubauen. Trotz all dieser Gewalt haben sich jedoch einige Christen dafür entschieden, in ihrer Heimat zu bleiben und für ihren Glauben einzustehen, da sie sich als Nachkommen der ersten christlichen Gemeinschaft der Welt sehen.

Aktuelle Krise

Der Krieg hat das Westjordanland und Ostjerusalem mit der höchsten Arbeitslosenquote aller Zeiten getroffen, vor allem unter den Christen, die weitgehend vom Tourismussektor abhängen. Nach Schätzungen des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, die sich auf Studien und Statistiken von Wirtschaftswissenschaftlern stützen, darunter die Industrie- und Handelskammer von Bethlehem, haben mehr als 3500 palästinensische Christen aufgrund der völligen Lähmung der mit dem Tourismus verbundenen Unternehmen ihre Arbeit verloren. Bis im Juli 2024 sind davon 84 Hotels (1660 Beschäftigte), 241 lokale Werkstätten für Olivenholz und Perlmutt (1205 Angestellte), 45 Reiseagenturen (90 Angestellte), 267 Reiseleiter, 90 Souvenirläden (900 Angestellte), 20 touristische Restaurants (500 Angestellte) 91 temporäre Angestellte und 325 Frauen in Stickereien betroffen.

Den Schätzungen zufolge sind zudem 800 palästinensische Christen arbeitslos, die als Ärzte, Krankenschwestern und Lehrer nur unregelmässig Zugang zu Jerusalem haben und damit ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können.

Im Gegensatz zum israelischen System hat die Palästinensische Autonomiebehörde weder die finanziellen Mittel noch die Kapazitäten, um all diejenigen zu entschädigen, die früher vom Tourismus abhängig waren. Das Lateinische Patriarchat - als die wichtigste kirchliche Einrichtung in der Region - hat die Pflicht, die christlichen Gemeinschaften zu unterstützen.

Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem versucht die Auswanderung von Christen aus dem Heiligen Land zu verhindern

Das Patriarchat muss finanziell und operativ in die Lage versetzt werden, die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen, da es sonst zu grösseren christlichen Auswanderungswellen kommen wird, ähnlich wie zur Zeit der zweiten Intifada im Jahr 2002, als etwa 530 christliche Familien beschlossen auszuwandern.

Die Christen im Westjordanland

Im Westjordanland und in Ostjerusalem leben rund 48’000 palästinensische Christen. Mehr als 60% der Christen arbeiten im Tourismussektor, z.B. in Restaurants, Hotels, als Reiseleiter, in Souvenirläden, als Busfahrer und in anderen touristischen Berufen. Nach der offiziellen Kriegserklärung und der Absage aller touristischen Reisen nach Israel wurden die meisten Hotels in Israel entweder in Rekrutierungszentren für die israelische Reservearmee oder in Notunterkünfte für die Binnenvertriebenen umgewandelt, die aus den südlichen Gebieten geflohen waren. Dadurch wurden die meisten Christen entlassen, da der Tourismussektor völlig zum Erliegen kam.

Was kann getan werden?

Das Patriarchat hat sich zum Ziel gesetzt, den ärmsten christlichen Familien humanitäre Hilfspakete anzubieten und der jungen Generation sowie den christlichen Arbeitern durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Bereitstellung von medizinischer und grundlegender Hilfe für die Familien wieder Hoffnung zu geben. Auf diese Weise sollen ihnen würdige Arbeitsmöglichkeiten in ihren Städten und Dörfern geboten werden, ohne dass sie die militärischen Kontrollpunkte zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten passieren müssen.

Geplante Massnamen für die christliche Bevölkerung:

Medizinisches Hilfsprogramm A:
Sicherstellung der Medikamentenversorgung für Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden, wie etwa Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenversagen, Arthritis etc.

Medizinisches Hilfsprogramm B:
Subventionierung lebensrettender medizinischer Operationen für Mitglieder armer Familien, die nicht krankenversichert sind. Im Westjordanland gibt es grosse Lücken in der medizinischen Versorgung, im Gegensatz zu Israel, wo die Krankenversicherung gesetzlich vorgeschrieben ist und vom Arbeitgeber oder von der staatlichen Versicherung übernommen wird.

Lebensmittelgutscheine:
Im Voraus bezahlte Gutscheine, die an bedürftige Familien verteilt werden um deren Grundbedürfnisse wie Nahrungsmittel, Wintervorräte, Hygieneartikel, Babybedarf, Kleidung usw. abzudecken.

Unterstützung von Schulen und Universitäten:
Übernahme der Studiengebühren, wodurch bedürftigen Kindern hochwertige Bildungsmöglichkeiten geboten werden.

Unterstützung von christlichen Unternehmen und Kleinunternehmern:
Die Einschränkung der Mobilität und die Abriegelung der Städte im Westjordanland stellen die Christen vor grosse Herausforderungen. Alle Arbeitsgenehmigungen, die früher von den israelischen Behörden ausgestellt wurden, sind annulliert worden, so dass die Christen aus dem Westjordanland nicht mehr in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt in Jerusalem und in ganz Israel zu bestreiten. Das Patriarchat möchte christliche Familien unterstützen, die dadurch gezwungen wurden, kleine Produktionsbetriebe oder Startups zu gründen oder solche, die ihre kleinen Unternehmen behalten wollen.

Mietunterstützung:
Finanzielle Mietzuschüsse werden für diejenigen angeboten, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können und/oder ihre Arbeit verloren haben.

Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen:
Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für christliche Arbeiter und Jugendliche im Westjordanland und in Ostjerusalem, für

  • Ingenieure, wie Bauingenieure, Elektromechaniker und Architekten:
  • Bauarbeiter mit Erfahrung in der Instandhaltung und Restaurierung von Gebäuden, Elektriker, Facharbeiter, Fliesenleger, Gipser, Sanitärinstallateure, die anschliessend in verschiedenen christlichen Schulen, Krankenhäusern, Sozialschutzzentren, Altenheimen usw. eingesetzt werden können.
  • ungelernte Arbeitskräfte (Assistenten)
  • ausgebildete Jugendliche, wie Computerexperten, Programmierer, Verwaltungsfachleute, Krankenschwestern, Übersetzer, Lehrer, denen das Patriarchat Arbeitsmöglichkeiten in den 296 kirchlichen Organisationen im Heiligen Land anbieten kann.
  • Handwerker: das Patriarchat hat mehrere Ideen für sie entwickelt, um der Kirche zu dienen und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
  • Hotelangestellte, Angestellte in Souvenirläden und Restaurants, denen je nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten Arbeitsplätze bei anderen christlichen Organisationen vermittelt werden können.

Das Ziel des Lateinischen Patriarchats in Gaza

Das Patriarchat setzt sich nicht nur unermüdlich für eine nachhaltige politische Lösung ein, sondern zielt auch darauf ab, die christliche Auswanderung aus dem Heiligen Land zu verhindern und eine lebendige christliche Präsenz in Gaza aufrechtzuerhalten. Gaza gilt als biblische Stadt und ist Teil des christlichen Glaubens, der Kultur und der Geschichte, nach welcher die Heilige Familie über die Küstenwege des Gazastreifens nach Ägypten floh.

Die Christen von Gaza

Vor Ausbruch des Krieges gab es etwa 1000 Christen in Gaza. Das Patriarchat geht davon aus, dass etwa 250-300 Christen den Gazastreifen bereits während der ersten und zweiten Waffenruhe verlassen haben, vor allem diejenigen, die eine doppelte Staatsbürgerschaft haben und sich mit den ägyptischen Behörden abstimmen konnten. 34 Christen haben ihr Leben verloren, entweder durch direkte Bombardierungen und Schüsse (20 Personen) oder durch fehlende medizinische Versorgung (14 Personen [Stand Juli 2024]).

Zu Beginn des Krieges im Oktober 2023 haben die Christen vor allem an zwei Orten Zuflucht gesucht: im katholischen Kloster der Heiligen Familie und in der griechisch-orthodoxen Kirche des Heiligen Porphyrios. Das Kloster der Heiligen Familie verfügt über eine angrenzende Schule innerhalb des Kirchengeländes mit über 600 Flüchtlingen, die aus ihren Häusern geflohen sind. Die Familien schlafen in den Gängen und Räumen der Kirche und der angrenzenden Gebäude. Seit dem Ausbruch des Krieges am 7. Oktober ist es die Aufgabe der Kirche, neben vielen anderen humanitären und seelsorgerischen Diensten, für Mahlzeiten, Wasserversorgung und medizinische Versorgung zu sorgen.

Massnahmen während des Krieges

Es ist leider davon auszugehen, dass dieser Krieg noch weiter andauern wird. In dieser Phase zielt das Patriarchat darauf ab, die Familien bei der Deckung ihrer täglichen Grundbedürfnisse zu unterstützen, indem sie einen konstanten Fluss von Medikamenten, Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff, Kleidung und Hygieneartikeln sicherstellt, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Einrichtungen wiederherzustellen, die von über 550 Menschen, darunter 60 Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen und Frauen und Kinder, intensiv genutzt wurden. Sanitäranlagen, Zimmer, Korridore, Fenster, Türen und Elektroinstallationen müssen sofort instandgesetzt werden. Nach dem Ende des Krieges wird eine Restaurierungsphase folgen.

Massnahmen nach dem Krieg

Zum jetzigen Zeitpunkt nach 8 Monaten Krieg kann niemand vorhersagen, wie lange dieser noch andauern wird. Das Patriarchat geht davon aus, dass die folgenden Massnahmen erforderlich sein werden, wenn ein langfristiger Waffenstillstand erreicht wird.

  • Behebung der Schäden, die in den Einrichtungen des Patriarchats entstanden sind.
  • Beseitigung der Schäden an den Häusern der christlichen Familien, die teilweise schwer zerstört wurden.
  • Mietunterstützung für einen Zeitraum von sechs Monaten bis zu einem Jahr für Familien, deren Häuser vollständig zerstört wurden.
  • Psychosoziale Programme für die Gemeindemitglieder und die Schüler der beiden Schulen.
  • Umwandlung der «Holy Family School» in ein temporäres Wohnprojekt, um die Menschen, die alles verloren haben, unterzubringen.

Wichtigste Ziele

  • Würdige humanitäre Hilfe für die Ärmsten, vor allem für diejenigen, die die Grundbedürfnisse ihrer Kinder, abhängigen Kranken und älteren Menschen nicht befriedigen können.
  • Die Würde der Menschen wird gewahrt, indem Arbeit statt Bargeldunterstützung angeboten wird. Damit werden auch andere christliche Organisationen unterstützt, insbesondere diejenigen, welche soziale Schutzdienste für ältere Menschen, Waisen, arme Studenten, Kranke und Menschen mit Behinderungen anbieten.
  • Förderung von Beschäftigungsmöglichkeiten durch Unterstützung bei der Vermittlung von Arbeitsplätzen für bedürftige Familien, Hochschulabsolventen und Arbeitslose, um Geldspritzen für die Bedürftigsten zu sichern, die ihr Einkommen verloren haben, und gleichzeitig physische Verbesserungen in den christlichen Einrichtungen zu erreichen.

Fazit

Die humanitäre Hilfe wird eine der wichtigsten Interventionen sein, welche das Lateinische Patriarchat ausweiten möchte, um die hohen Auswanderungsraten der Christen aus dem Heiligen Land zu bekämpfen. Das Patriarchat verfügt durch seine Sozialabteilung und das Büro für Projektentwicklung über langjährige Erfahrung in diesen Bereichen. Während der Covid-19-Pandemie konnten Hunderte von jungen Christen vom Programm zur Schaffung von Praktikums- und Arbeitsplätzen profitieren. Diese Bemühungen sollen zu dauerhaften Lösungen für die bedrohten christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land führen und ihnen die Hoffnung geben, dass die Kirche und unser Ritterorden in diesen schwierigen Tagen an ihrer Seite stehen.

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