"Als eines Hirten Weib bey der Gegend dises Thals in obgedachtem Eychwald eine Heerd Vichs hütete / ist selbige bey allzuhitzig-stechenden Sonnen-strahlen / mit welchen damals zu höchster Sommers Zeit diser fewrige Planet allerhefftigst auff die Erden spihlete / endlich veranlasst worden / sich um ein erquickend / kühl / und schattechten Ort umzusehen: Massen dann hierzu eine nechst und wolgelegene Steinklufft eines holen von Natur selbsten aussgekünstleten Felsens sich sehr bequemlich erzeigte: Machte sich ohne weitere Sorg mit ihrem bey sich habenden Kind unverweilt hinunder / sich in diser kühlschattreichen Felss zu erfrischen / sintemal die unerträgliche Hitz ihro aller mit Schweiss überrunnen ohne das hurtige Füss machte; warffe also in Begleitung ihres Kind den abgematteten Leib alldort zur Erde nieder. Was geschicht? das / was gemeinlich einem von Hitz und Arbeit erlegenen Menschen: der Schlaff war nur zubald under solchem anreizenden Schatten-Dächlein / hinderschleicht und übernimmt das gute Weib / welches dann alsbald eingeschlaffen / Wacht und Sorg über die grasende Heerd Gott einfältig vertrauend / wusste aber indessen nichts von einigem Unglück / noch weniger traumete ihr davon / was gestalten das auffsetzige und schlipfferige Glück ein wachtbares Schalcks-Aug auff ihr mithabendes Kind / welches sie gar wol versorget zu seyn vermeinte / warffe. Als nun die fromme Mutter jetzt aller Sorg frey da ein gute Weil schlieffe und aussrastete / lieffe inmittels ihr unruhiges Kind in disem holen Felss herum / biss endlich als es auss angeborner Fürwitz in das tieffe Thal wollte hinab schawen / es auss kindischer Unachtsamkeit sich zu weit über den Felss hinauss gewagt / gählings gestrauchelt / entschlipft / und über den stutzigen Felss in das vier und zwantzig Klafter tieffe Thal (O grausamer Fahl!) plötzlich hinunder geschossen.

Demnach nun die Mutter zu genügen schlaffen / und widerum erwachet / giengen alsobald ihre ersten Gedanken nach ihrem hinderlassenen Kind / wie es um dasselbige stehe; da sie aber hin- und her-sehend selbiges weder sehen noch hören oder anderwerts verspühren könnte / erschracke sie über die massen / bildete ihr nach langem Suchen und Ruffen / nichts anderes ein / als müsse das unbehutsame Kind in das tieff und schroffächtige Thal gefallen seyn / wie es dann auch ware: Laufft derohalben aller entrüst und angsthafft in höchstem Herzleyd durch einen rauch und stutzigen Umweg in das Thal hinunder ihr arm-unglückseligges / wo nicht in Stücke zerfallenes / aufs wenigest doch todes Kind für ein ungezweiffelte Leich auffzuheben / und zur Erden zu bestatten. Aber o unverhofftes Wunder! Nachdem die betrübte Mutter in das Thal gelangt / an statt da sie ihr nichts anders einbildete / als ein hertzbrechendes Traurspihl / sihe! da fande sie mit frölichem Anblick ihr tausent liebes Kind gantz unverletzt / frisch und gesund mit frewdigen Geberden Blümlein brechend.

Die Mutter von so unverhofftem Anblick theils vor Frewden / theils vor Verwunderung aller erstaunet / wusste nicht / ob sie ihren Augen glauben / oder die Sach in Zweiffel ziehen sollte? biss dass sie endlich sich um etwas erholend gefragt: Ey mein Kind / wie finde ich dich allda? Wie kommt es doch? Ja wie ist es je möglich / dass dir in so grausamen Fahl kein Leyd geschehen / noch widerfahren? Tausend- für einmal hättest du sollen zerschmettert und zerfallen seyn; sag mir / wie bist du dannoch in solchem Fall mit deinem so zart und wuntzigem Leben davon kommen / dass ich dich jetzt da frisch und gesund finde und antriffe? Ach liebe Mutter / antwortet das Kind / Ja freylich mehr dann tausent- für einmal hätte ich sollen von so erschröcklichem Fall natürlicher weiss um mein junges Leben kommen seyn / wann nicht ein überauss schön hellglantzende Jungfrau gleich wie die Sonn von gar vil lieben Engeln begleitet und umgeben / in währendem Fahl mich in Ihr Jungfräwlichen Schos empfangen / und wie du nun sihest / mich beym Leben erhalten hätte / darum ich jetzt allhier dise Blümlein abbriche und samble / ihro zu Lob u. Danck ein schönes Ehren-Kräntzlin zu flechten und zu verehren: Dann ebendise so liebreiche Jungfraw hat mir gesagt / sie seye Maria die Mutter Gottes / und Himmelskönigin / und habe disen Ort und holen Felss / von dem ich bin herunder gefallen / Ihro zu einer heiligen Wohnung ausserwöhlet / allwo Ihr gebenedeyter Nam immer sollte gepriesen werden: hat auch versprochen / Sie wölle allen denjenigen / so sie in disem Stein oder Felss inbrünstig anrufen / und andächtig besuchen werden / alle erwünschte Hilff und Gnad bey Ihrem liebsten Sohn für gewiss aussbringen und erlangen, Dessen dan zu einem ungezweiyffelten Warzeichen habe sie mir in so entsetzlich hochen Fahl der Ursachen halber das Leben geschenkt und erhalten / auff dass ich disen Ihren endlichen Willen / in Ansehen dises gross an mir erwiesenen Wunderwercks aller Welt ehest solte offenbar machen und aussbreiten. darauff Sie eben aller erst in selbem Augenblick / da du zu mir kamest / mit herrlichem Glantz in den Himmel gestiegen / und vor meinen Augen verschwunden."