Rund 15 Millionen Euro überweist der Ritterorden dazu jedes Jahr an das Lateinische Patriarchat von Jerusalem. Davon stammt jährlich rund eine halbe Million Franken von der Schweizerischen Statthalterei beziehungsweise von den nur gerade 346 Mitgliedern des Ordens in der Schweiz. Mit dem Geld werden in erster Linie in Westjordanland christliche Schulen und Pfarreien unterstützt. Vor Ort eingesetzt werden die Mittel vom Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, dem Oberhaupt der römischen Katholiken, in Israel, den Palästinensergebieten sowie in Jordanien und Zypern. Die Mittel sind eine wesentliche Stütze für eine Minderheit. In Israel beträgt der Anteil der Christen heute noch rund zwei Prozent.

Früher war der Orden direkt dem Papst unterstellt, seit 1928 ist ein Kurienkardinal oberster "Chef" oder Grossmeister. Aktuell ist es der amerikanische Kardinal Edwin O'Brien. Letztes Wochenende weilte der 76-Jährige im Kloster Disentis. Der Anlass war eine Investitur, die feierliche Aufnahme neuer Mitglieder in den Ritterorden. 19 Personen wurden in einer Zeremonie in der Disentiser Klosterkirche zum Ritter oder zur Dame ernannt. Wie einst mit einem Schwert zum Ritter geschlagen wurden vom Kardinal-Grossmeister nur die männlichen, weltlichen Aspiranten.

 

Ritterschlag Disentis

Investitur in der Klosterkirche Disentis: Kardinal-Grossmeister Edwin O'Brien schlägt ein neues Mitglied mit dem Schwert zum Ritter.

 

 

Ein Leben lang verbunden

Martin von Reding, Grossoffizier und Schatzmeister der Schweizerischen Statthalterei, vergleicht die Investitur mit einer Taufe oder Eheschliessung. Es sei ein einmaliges Ereignis und eine Verpflichtung auf Lebenszeit, sagt von Reding im Gespräch mit dem BT. Das Band wird sogar per Unterschrift geknüpft. Konkret verpflichten sich die Ordensmitglieder zu einer christlichen Lebensführung, zu einer finanziellen Unterstützung und zu einer Teilnahme an der "Comunio", an Anlässen der Ordensgemeinschaft. Ersteres und Letzteres wird nicht streng ausgelegt. So gibt es laut von Reding keine Regeln, wie die Ritter und Damen ihr sprituelles Leben im Alltag zu führen haben. Der Schatzmeister gibt unumwunden zu: "Das
Wichtigste, wenn man dabei ist, ist die finanzielle Unterstützung." Mit einer halben Million Franken pro Jahr und 346 Mitgliedern bezahlt die Schweiz europaweit die höchsten Beiträge pro Kopf. Dabei spielt es keine Rolle, wie vermögend jemand ist. Alle bezahlen den gleichen Grundbeitrag.

Aber wer sind diese Menschen, die freiwillig jedes Jahr eine stattliche Summe für die Christen im Heiligen Land spenden - wenn auch steuerfrei? Laut dem Schatzmeister kommen die Ritter und Damen aus allen Schichten, eine Elite, wie bei der Gründung der Schweizerischen Statthalterei im Jahr 1950, sei man längst nicht mehr. Zudem besteht der Orden darauf, dass die Mitglieder ausgesucht werden. Man kann sich also nicht als Ritter bewerben. Meist geschieht die Aufnahme durch persönlichen Kontakt. "Man wählt Menschen aus, bei denen man das Gefühl hat, sie gehören dazu" , sagt von Reding zum Auswahlverfahren. Churrätien als Komturei, eine kleine Gebietseinheit, hat nur 30 Mitglieder, davon neun Priester - was einen überdurchschnittlichen Anteil bedeutet. Zurückzuführen ist dies auf die Verbindungen des Erzbistums Vaduz und des Bistums Chur zum Orden. Der frühere Churer Bischof Johannes Vonderach war einst Grossprior, also oberster Chef der Ordensgeistlichen in der Schweiz. Heute ist es der emeritierte Bischof von Lugano, Pier Giacomo Grampa, der an der Investiturfeier in Disentis ebenfalls teilnahm. Vom Kloster ist niemand Mitglied.

 

Insignien wie einst

An der Investitur erhielten die Ritter und Damen Mantel und Kette mit dem fünffachen Jerusalemkreuz, dem Insignium des Ordens. Das Zeichen sowie der Leitspruch des Ritterordens ("Deus lo vult - Gott will es!") haben ihren Ursprung in den Kreuzzügen mit Beginn Ende des 11. Jahrhunderts. Im Jahr 1095 hatte Papst Urban II. mit diesen Worten die Christen zum Kreuzzug in das Heilige Land und zur Verteidigung der christlichen Stätten vor dem Islam mobilisiert. Das fünffache Jerusalemkreuz, Symbol für die fünf Wundmale Christi, war das Wappen von Gottfried von Bouillon, dem Heerführer des ersten Kreuzzuges. Auch ist dokumentiert, dass seit dem Mittelalter Ritter am Grab Jesu den Ritterschlag empfangen haben. Weder die Bezeichnung Grabritter noch die Verknüpfung zu den Kreuzzügen von einst findet beim Ritterorden aber Gefallen. "Wir haben nichts mit den Kreuzzügen zu tun", sagt Schatzmeister von Reding, und ergänzt, "trotz allem". Er beruft sich darauf, dass der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem erst 1868 durch Papst Pius IX geschaffen wurde. Zu anderen Ritterorden aus der Zeit der Kreuzzüge, wie dem einstigen Johanniter-Malteserorden, dem Deutschen Orden oder dem sagenumwobenen, nicht mehr existenten Templerorden, grenzt man sich durch dieses Datum ab. Und obschon der Orden für sich keine Werbung macht -  laut von Reding will man verhindern, dass sich jemand dadurch Vorteile verschaffen könnte -, agiere man keineswegs im Verborgenen. Auch Besitztümer habe man keine. "Wir sammeln das Geld und leiten es weiter." Von Reding sagt nicht ohne Stolz: " Ohne den Orden könnte das Lateinische Patriarchat schliessen."

 

von Luzi Bürkli, erschienen im Bündner Tagblatt, 11.5.2015